Dezember Newsletter 2012

                                                            
Scrum Seminare - Interview mit dem Trainer Ralph M. Jocham


Ralph M. Jocham ist diplomierter Informatiker und Europas erster Scrum Trainer mit Scrum.org. Er wurde persönlich von Ken Schwaber, dem Erfinder von Scrum, geschult und arbeitet eng mit ihm zusammen. Herr Jocham ist Geschäftsleiter von effective agile. GmbH, einer Beratungsfirma für Agile Softwareentwicklung. Er ist auch als Tutor an der BFH Bern im Medical Technology Center für Agile Themen im Master Aufbau-Studium engagiert.

Ralph M. Jocham ist international mit Scrum-Teams tätig und sieht seine Motivation darin, mit agilen Methoden die Effektivität von Teams, die Produktqualität und die Kundenzufriedenheit zu verbessern. Mit seinen internationalen Erfahrungen in verschiedenen Domänen wird er auch in Management-Kreisen sehr gerne zur Ablaufverbesserung als Trainer und Consultant eingesetzt.

Ralph M. Jocham, ein international erfolgreicher Scrum Trainer, spricht mit Rebecca Vogel, CEO- & Marketing Assistant bei Bosshard & Partner, über das Thema Scrum.

Vogel: Wie sind Sie zu Scrum gekommen? Was interessiert Sie besonders an Scrum?

Jocham: Nach dem Studium ist der Rucksack voll an technischem Wissen und Werkzeugen. Ich konnte jedoch schnell und aus eigener Erfahrung feststellen, dass dies nur die halbe Rechnung ist. Die Frage "Wie kann ich sicherstellen, dass der Kunde mit dem Produkt zufrieden ist?", wurde leider nicht behandelt. So hörte ich immer wieder den folgenden Satz: "Das ist zwar das, was ich spezifiziert habe, aber nicht, was ich will und brauchen kann." Um diese Frage zu beantworten, war mir sehr schnell klar, dass wir ein Vorgehensmodell benötigen, welches den Kunden von Anfang bis Ende einbindet. Das war 1999 - zu diesem Zeitpunkt war Agile noch nicht richtig bekannt, jedoch existierten Scrum, SP und andere Agile Methoden schon. Daher hatte ich das grosse Glück, Agile vom Anfang zu erfahren und in der Praxis umzusetzen. In den letzten 14 Jahren hat sich die Agilität aus den Kinderschuhen heraus zu einer weltweit anerkannten Vorgehensweise etabliert.

Vogel: Welche Vorteile bietet Scrum?

Jocham: Scrum löst exakt das oben genannte Problem. Scrum erlaubt es, den Kunden oder einen Stellvertreter in den Fahrersitz für die fortlaufende Produktentwicklung zu setzen. Wie beim Autofahren habe ich ein klares Ziel, muss jedoch immer wieder auf neue Gegebenheiten reagieren. Genau so geht Scrum vor. Es wird von einem konkreten Ziel gesteuert, der Weg zum Erreichen des Ziels ist jedoch noch nicht von Anfang an festgelegt. Durch die fortlaufende Inspektion des Produktes, die spätestens alle vier Wochen stattfindet, kann umgehend auf Probleme und neue Erkenntnisse eingegangen werden. Dies bedeutet auch, dass in Scrum das Feedback mit einem echten funktionierenden Produkt erreicht wird und nicht von Papier-Artefakten. Bei phasengesteuerten, definierten Prozessen mit sogenannten Security-Gates wird meistens (bis zu einem Drittel der Gesamtprojektdauer) nichts als Papier-Artefakte produziert. Diese kann ich zwar unterschreiben, nicht jedoch dem Kunden vorführen. Dieses Problem hat Scrum gelöst, da in jeder Iteration eine vollständig funktionierende und getestete Software mit der notwendigen Dokumentation vorliegt.
Das Produkt, der Kunde und die fortlaufende Verbesserung stehen also im Mittelpunkt.

Vogel: Welche Rollen gibt es in einem Scrum Team?

Jocham: Das Scrum Team besteht aus drei Rollen:
1. Product Owner: Der Product Owner trägt für das Produkt, welches er entwickelt, die volle Verantwortung und ist zuständig für die maximale Wertschöpfung durch das Produkt. Er hat alle Rechte, die wichtigen Entscheidungen zu treffen und trägt dafür auch die Verantwortung.
2. Development Team: Das Development Team besteht aus Fachleuten, welche alle notwendigen Arbeiten eines potentiellen Releasable Produktes durchführen. Potentiell Releasable bedeutet, dass keine Arbeit mehr übrig ist, die später gemacht werden muss. Das Produktinkrement ist 'Done'.
3. Scrum Master: Der Scrum Master ist verantwortlich dafür, dass Scrum verstanden und richtig umgesetzt wird. Dies bedeutet, dass das Scrum Team die Theorie, Praktiken und Regeln einhält. Der Scrum Master ist ein 'Servant-Leader' für das Scrum Team.

Vogel: Wie führt man Scrum am besten ein? Was ist der Schritt, der nach der Einführung folgt?

Jocham: Ich bin sehr erfolgreich mit einem allgemeinen Scrum Training ganz am Anfang. Dafür bietet sich das PSF (Professional Scrum Foundations) Training an. Es ist für jede Position in der Firma geeignet, ob Programmierer, Manager oder Business Analyst. Jeder lernt, praktiziert und erfährt, was Scrum eigentlich bedeutet. Aufbauend auf diesem gemeinsamen Grundverständnis kann Scrum dann relativ einfach eingeführt werden. Ohne diese Grundlage ist es ein mühseliger Kampf mit viel Widerstand und Ignoranz; Menschen haben Angst vor Veränderung und ohne jeden Einzelnen vorrangig abgeholt zu haben, sind die Aussichten eher schlecht.

Vogel: Was wird aus den Projektleitern, wenn man Scrum einführt?

Jocham: Projektleiter können einerseits die Rolle des Scrum Masters übernehmen, wenn Sie in der Lage sind, echtes 'Collaboration and Leadership' zu praktizieren. Der Scrum Master ist eine Management Position, die für die korrekte Umsetzung von Scrum und die Effektivität des Development Teams zuständig ist. Andererseits kann ein Projektleiter auch die Rolle des Product Owners einnehmen, wenn er eine starke Affinität zum Produkt und Produkt Management aufweist. Die klassische Rolle des Projektleiters wird sich zwangsläufig neu erfinden und dies nicht nur im IT Bereich. Denn auch andere Managementvorgehensweisen sind dabei, die Mächtigkeit des empirischen Vorgehens zu entdecken. Es stellt sich nur die Frage: "Führe ich die Veränderung oder bin ich davon betroffen?"

Vogel: Welche Branchen nutzen Scrum vorwiegend?

Jocham: Scrum funktioniert von kleinen Teams bis hin zu Grossfirmen, es gibt keine speziellen Branchen mehr. Scrum ist eine Grundeinstellung, die sich in allen Aspekten der Firma widerspiegelt. Klassisches 'Command and Control'-Denken wird durch 'Leadership and Collaboration' abgelöst. Es hängt weniger von der Domäne sondern mehr von der Bereitschaft ab, diesen Schritt gehen zu wollen. Eine Auswahl an bekannten Firmen, die erfolgreich mit Scrum unterwegs sind: Microsoft, Google, Yahoo, Salesforce, Roche Pharmaceuticals, Swisscom und das FBI. Speziell in einem regulierten Umfeld wie FDA (US Food & Drug Administration) ist Scrum durch seine kontinuierliche Transparenz sehr beliebt.

Vogel: Welche Zertifizierungen gibt es bezüglich Scrum?

Jocham: Die meisten Zertifizierungen sagen nur aus, dass jemand die Scrum Regeln kennt. Dafür gibt es beispielsweise das PSM (Professional Scrum Master), CSM (Certified ScrumMaster) und noch einige andere. Dies ist natürlich eine Grundvoraussetzung, um Scrum einführen oder umsetzen zu können. Jedoch bin ich noch lange kein Schriftsteller, wenn ich das Vokabular und die Grammatik einer Sprache beherrsche. Wenn Sie einen guten Scrum Master oder Agilen Coach suchen, dann fragen Sie am besten nach dem agilen Werdegang. Seit wann agil und was war der Auslöser? Welche Probleme sind bei agilen Projekten aufgetaucht und wie wurden sie gelöst? Die schlimmsten Fehler, die gemacht worden sind? Ein echter Scrum Master schenkt Ihnen reinen Wein ein, und Sie werden sofort Vertrauen in diese Person legen. Diese Personen besitzen - wenn überhaupt - ein PSM II oder CSP (Certified Scrum Professional) Zertifikat.
In meinen Trainings versuche ich die Grundwerte und Einstellungen, die ein guter Scrum Master besitzen sollte, zu vermitteln. Meistens bin ich erfolgreich - jedoch erreichen sicherlich auch einige, die ich nicht überzeugen konnte, die PSM Grundzertifizierung. Diese Personen sind die eigentliche Gefahr für Agile und Scrum, da sie falsche Werte und Vorgehen unter dem Namen Scrum vermitteln.

  

  
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